Osterjagd 2018 Annes Bücherwelt

Herzlich Willkommen zur Osterjagd 2018!

 

Zwischen dem 26.03 und dem 2.04 gibt es pro Tag einen Beitrag auf je einem Blog. Dort bekommt ihr Buchstarben für ein Lösungswort.

Hier in der Veranstaltung gibt es Schnipsel, Spiele und weitere Events! Seit also dabei...

Blogtour "Osterjagd 2018":

26.03 - Elchi's World of Books & Crafts

27.03 - C.A. Raaven

28.03 - Susanne Eisele

29.03 - Felicity D'Or

30.03 - Rita's Buchblog Zaubertränke

31.03 - Manati Herz

01.04 - Reading Marry

02.04 - Anne's Bücherwelt

 

Zum Gewinnspiel:

1) Das Gewinnspiel beginnt am 26.03 und endet um 03.04 um 23:59.

2) Man kann in der Veranstaltung unter diesem Post "Gewinnspiel" mitmachen oder man schickt eine Mail mit dem Betreff "Osterjagd 2018" an annesbuecherwelt@web.de

3) Jeder über 18 Jahre mit Wohnsitz in Deutschland darf teilnehmen.

3a) Wer aus Ausland teilnimmt muss mir das Porto erstatten und erklärt sich mit der Teilnahme mit dieser Passage einverstanden.

4) Die Adresse wird nur für das Gewinnspiel genutzt und wird danach dauerhaft gelöscht.

5) Es wird keine Haftung für Versand übernommen.

6) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

7) Facebook hat mit diesem Gewinnspiel nichts zu tun.

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Hier also mein Beitrag zum fröhlichen Ostereiersuchen im virtuellen Raum. Da ich leider heute arbeiten bin, und euch nicht den ganzen Tag über mit Spaß versorgen kann, habe ich beschlossen dafür einmal für großes Amüsement zu Sorgen. Mein Thema lautete Erde und was hätte ich besseres auswählen können, als ein Kapitel über die vielfältigen Zauber, die die Natur für uns bereit hält. 

 

Ich habe ein sehr großes Osterei für euch versteckt. 

 

Also erhaltet ihr gleich ein große Portion Manati Herz und eine doppelte Portion Vonsch zum Osterfest. Außerdem gibt es im Text einen Vokal zu finden.... naja, eigentlich kann man ihn ja kaum übersehen. Häufiger kommt keiner vor. 

 

Der Getreue Vonsch blies nun bereits seit mehreren Wochen Trübsal.

Missmutig schlich der kleine Kobold mit hängenden Ohren und müden Schritten in der Wohnung umher und ab und an entfuhr seinem Koboldherzen ein trauriger Seufzer. Manati Herz, die junge, rothaarige Frau, der die Wohnung gehörte, hatte schon arges Mitleid mit ihrem ansonsten so lebensfrohen Mitbewohner. Aber wirklich nichts wollte ihn aufmuntern.

Manatis verzweifelte Versuche, die Stimmung ihres kleinen Freundes aufzuhellen, liefen immer wieder ins Leere und nicht einmal seine geliebten Waffeln konnten ihn trösten. Anstatt mit wackelnden Ohren eine um die andere in seinen kleinen Koboldmund zu stecken, beklagte er sich nun über anhaltende Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen und Kaumuskelentzündung.

Der trübsinnige Kobold bot einen elendigen Anblick, wenn er, die Hände in den Schoß gelegt, auf seinem kleinen Sessel im Bücherregal saß und auf seine verschränkten Zehen starrte.

Erkundigte sich Manati Herz nach seinem Wohlbefinden oder danach, was er brauchte, war ihm mal das Licht zu hell, mal zu dunkel, mal sein Platz zu unbequem, oder er verlangte eine Tasse Kakao, die er dann doch nicht trank.

Der Getreue Vonsch war traurig und nichts auf der Welt schien diesen Umstand jemals wieder verändern zu können. Sicherlich hat es auf der Welt noch kein erbärmlicheres und leidvolleres Schauspiel gegeben, als den Getreuen Vonsch, der im Bücherragalfach saß, sein trauriges Lied auf seiner winzigen Flöte spielte und dem die Tränen an den Wangen herunterliefen.

Seine Traurigkeit steckte auch Manati Herz an, die sich große Sorgen um ihren Gefährten machte. Mehrfach hatte sie bereits versucht ihn mit einer Geschichte zum Lachen zu bringen oder wenigstens ein wenig von seinem Seelenschmerz abzulenken. Doch anstatt begeistert mit den Ohren zu wackeln und sich ein wenig weiter nach vorne zu lehnen, damit er auch jedes Wort verstehen konnte, das sie sprach, hatte er verkündet, er fände ihre Geschichten doof und langweilig und wäre ohnehin kein besonders großer Freund vom Geschichtenerzählen.

Der Getreue Vonsch war wie ausgewechselt und Manati Herz beschloss, schnell etwas zu unternehmen, um ihren Kameraden aus seiner Depression herauszuhelfen.

Als sie an diesem Nachmittag von der Arbeit kam, schleppte sie eine große Tasche in die Wohnung und stellte sie demonstrativ im Sichtfeld des Gnomes ab.

Dieser reagierte jedoch nicht mit der erwarteten Neugierde, woraufhin Manati ein wenig in der Tasche herumwühlte und dabei „Oh“ und „Ah“ sagte, als wäre die Tasche der Sack des Weihnachtsmannes.

„Geht es vielleicht auch ein bisschen weniger aufdringlich?“, erzürnte sich der Kobold, stand von seinem Sessel auf, stapfte zu seinem Bett, schlüpfte hinein und zog sich die Decke über den spitzohrigen Kopf.

„Na gut. Wenn du nicht interessiert bist, dann erzähle ich dir auch nicht, was ich herausgefunden habe“, forderte Manati Herz ihn heraus. Wenn ein wundervolles Geheimnis ihn nicht aus seinem Bett herauslocken würde, wusste sie auch nicht, was noch helfen könnte.

„Interessiert mich so-wie-so nicht“, kam es gedämpft unter der Bettdecke hervor. „Gar nichts interessiert mich mehr! NIE WIEDER!“, bockte der Kobold in sein Kopfkissen hinein. Manati guckte traurig in das Bücherregal und meinte: „Dann kannst du mir aber trotzdem zuhören und wenigstens interessiert tun“, verlangte sie. „NEIN!“, lautete des Kobolds zornige Antwort.

„Also“, begann Manati Herz: „Was ich herausgefunden habe …“, ein fliegendes Kissen unterbrach ihre Erzählung und der Kobold sang laut und schräg „lalala-lalala.“ Seine Mitbewohnerin begann nachdenklich auf ihrer Unterlippe zu kauen und ließ den akustischen Gewaltausbruch über sich ergehen. Als der Kobold verstummte begann sie erneut.

„Die Gudrun Weller, wohnt in Kaiserbach“, berichtete sie und zog dem Winzling die Bettdecke weg. Der Getreue Vonsch vergrub sein Gesicht in seiner Armbeuge.

„Und rate mal, wen die gesehen hat“, Manati machte eine rhetorische Pause, der Getreue Vonsch klappte die Ohren ein, um sich der Neuigkeit zu entziehen.

„Die Elfe Yana“, sagte sie und lächelte triumphierend, als der Kobold aufsprang und ihr entgegen lief. „WO?“, wollte dieser wissen. „Im Welzheimer Wald“, beantwortet Manati im Tonfall der Selbstverständlichkeit die Frage. Der Getreue Vonsch trippelte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. „Hörst du mal auf in der dummen Tüte herumzukramen? Was suchst du nur? Den Autoschlüssel? Wir müssen doch looos! MANATI HERZ!“, rief er schließlich aus und zerrte an Manatis Arm.

„Die Tüte ist nicht dumm. Aber sie interessiert dich doch nicht“, sprach Manati und lächelte in die Tasche hinein. Der Getreue Vonsch stieg an Manatis Kleidung hinauf, kletterte auf ihre Schulter und guckte neugierig über den Rand der Tasche. „Awwww!“, quietschte er, als er ihren Inhalt sah und Manati Herz nahm das kleine mit Erde gefüllte Töpfchen heraus, in dem eine Blume war. „Ein Mausohr“, stellte der Kobold fest und betrachtete die kleinen blauen Blüten.

„Vergissmeinnicht“, korrigierte Manati Herz. Die Augen des Kobolds wurden groß und er blickte erstaunt in Manatis Gesicht. „So nennst du die?“, fragte er erstaunt. „Ja, wir nennen sie alle so. Ist sogar in verschiedenen Sprachen ihr Name. Wortwörtlich übersetzt“, erklärte die junge Frau. Der Kobold klatschte in die Hände „Ist das schön. So poetisch!“

„Den Namen hat sie direkt vom lieben Gott. Als die Engel die Blumen bemalt haben, haben sie das Vergissmeinnicht einfach übersehen. Da ist sie mutig an allen vorbeimarschiert, schnurstracks zum lieben Gott und hat gesagt: „Vergiss mich fei nicht!“, gab Manati kurz eine alte Volkssage wieder. Der Winzling kicherte und jubelte dann: „Oh ja, eine mutige Pflanze! Mit allen Wassern gegossen und im lehmigen Erdboden herangewachsen.“

„Eben. Deswegen sind ihre Blüten nun himmelblau und ihr Fruchtknoten sonnengelb! Das sind nämlich die Lieblingsfarben vom lieben Gott“, Manati erwiderte das Lächeln ihres Kameraden, als dieser sanft anmerkte: „Heute hörst du dich aber sehr katholisch an.“

„Dennoch, wenn Yana im Welzheimer Wald ist, dann müssen wir sie auf uns aufmerksam machen. Beziehungsweise auf dich“, weihte Manati Herz den Getreuen Vonsch in ihre Pläne ein. Sie kramte weiter in der Tasche herum und holte ein paar weiße Jakobsmuscheln und einen Filzstift heraus.

„So, auf die äußere Seite, schreiben wir Yanas Namen, weil wir keine Adresse haben und auf die Innenseite alles, was du ihr sagen willst. Mit den Muscheln legen wir eine Spur bis hin zu dem Vergissmeinnicht, das wir an einem schönen Platz in die Erde pflanzen“, erklärte sie schnell, was sie vorhatte.

Die Ohren des Gnoms wackelten skeptisch. „Und warum tun wir das?“, stellte er eine berechtigte Frage.

„Na, sie ist eine Frau, der du gefallen willst. Deswegen musst du sie umwerben“, erklärte Manati Herz eine Selbstverständlichkeit. Der Kobold blickte misstrauisch. „Muss ich?“

„Aber natürlich! Wenn man ein Mädchen mag, macht man romantisches Zeug, um ihm aufzufallen. Das muss man.“

Der Getreue Vonsch kratzte sich an seinem nahezu kahlen Schädel. „Ok, sie folgt also den Muscheln mit deinen Nachrichten und findet schließlich das Vergissmeinnicht, das für männliche Treue steht. Ist doch total logisch“, erklärte Manati, worauf sie hinaus wollte. Der Kobold dachte einen Moment nach, verstand was sie meinte, schnappte sich den Filzschreiber und fing an, flink die Jakobsmuscheln zu beschriften. Nachdem er einen beachtlichen Stapel Muscheln beschriftet hatte, fragte er: „Und warum nehmen wir Muscheln?“

„Na, weil es die im Welzheimer Wald nur sehr selten gibt.“

Der Kobold nickte.

„Ich dachte jetzt wegen dem Muschelkalk im Boden und den Fossilien.“

Dann fragte er: „Bist du sicher, was das Umwerben angeht?“

„Aber ja. Denk doch nur mal an Timo“, versuchte sie, ihre Gedanken an einem realen Beispiel zu beweisen. Der Gnom runzelte die Stirn.

„Timo hat dich umworben? Dann war er nicht sehr erfolgreich“, merkte er spitz an. „Ja gut, es hat nicht funktioniert. Aber süß war es“, ruderte Manati Herz herum. „Hm, soll ich mich von Yana an ihrem Geburtstag in eine teure Theatervorstellung einladen lassen oder ihr Fisch servieren, obwohl sie ihn nicht mag?“, fragte der Kobold frech und wackelte mit seinen großen Ohren.

„Du, ich glaube es gibt im Wieslauftal kein teures Theater.“

„Aber Höhlentrolle gibt es da, Manati Herz“, meinte der Getreue Vonsch nachdenklich.

„Wirklich, das hört sich aber gruslig an? Warst du denn schon mal da und hast sie gesehen?“, wollte sie nun neugierig wissen und war froh, dass der Getreue Vonsch seine Liebe zum Geschichtenerzählen so schnell wiedergefunden hatte.

Der Getreue Vonsch begann eine alte Legende seines Volkes zu erzählen.

 

Grimmland der Troll

Einst lebte in den Wäldern zu Welzheim ein gemeiner fieser Höhlentroll, der Grimmland, ward er Land auf, Land ab nur leise bei seinem Namen genannt. Da die Bewohner der Wälder und die Menschen der Umgebung den alten Troll so sehr fürchteten, dass sich niemand getraute, seinen Namen lauter als in einem gedämpften und flüsternden Tonfall auszusprechen.

Böse war der Grimmland und zornig gar. Sein massiger Körper war von langen, goldenen Locken gekrönt, seine Haarpracht jedoch war seine schönste Zier. Denn unter ihr, da war sein Kopf und in dessen Mitte ein gar fürchterliches Gesicht. Raue Züge, eine große wulstige Blumenkohlnase darin und ein grimmiger Mund, der spitze Reißzähne verbarg. An seinen breiten Schultern hingen starke, narbige Arme mit ledriger, schuppiger Haut herab, die beinahe bis zum Boden reichten und in denen er zumeist einen großen ausgerissenen Baumstamm mitschleifte, mit dem er einen jeden Unglücklichen niederschlug, der seinen Weg kreuzte. Entweder, um den reglosen Körper in seine Höhle zu schleppen und den Armen gefangen zu halten oder, wenn der Schlag zu fest gesetzt war, den Toten seinen Freunden, den Kolkraben, zum Fraße vorzuwerfen. Diese großen Rabenvögel, die schlausten ihrer Art, waren die einzigen Wesen, mit denen ihn eine innige Freundschaft verband. So wie auch sie war er verschlagen, listig und gemein.

Hackten die Raben gerne ihren toten Opfern die Augen aus, verspeiste der Grimmland seine Beute lieber frisch, bei lebendigem Leib mit Haut und Haar gekocht, bis das Fleisch von ihren Knochen fiel. Denn Kochen war seine Leidenschaft. Die ungläubig aufgerissenen und entsetzten Augen seiner Zuschauer, waren ihm ein besonders geschmackvolles Gewürz.

In seiner Tiefen Höhle unter der Erde hatte er eine große runde Feuerstelle, auf der fast immer ein großer Kupferkessel mit brodelndem Sud aufgebaut war. Am liebsten verspeiste der alte Grimmland freilich junge Vonsche, wenn sie auf den Weg in die Wälder waren, um dort auf ihre Artgenossen zu treffen. Wenn er die Vonsche nicht sofort zerquetschte, dann trug er sie in seine Höhle, sperrte sie in Käfige, mästete sie mit Bucheckern und Brombeeren, bis diese schön fett geworden waren, um sie dann lebendig zu marinieren, in Kastanienmehl zu panieren und im siedenden Öl auszubacken.

Schlau, wie die Raben es sind, treiben sie sich immer in der Nähe des Grimmland herum, halten nach Nahrung Ausschau und rufen den Troll, wenn sich jemand Schmackhaftes in den Wäldern herumtrieb. Ihr Ruf fährt dem Wanderer durch Mark und Bein. Der Klang der Stimmen verdunkelt das Licht in den Wäldern und kaum konnte sich der Wanderer einreden, dass keine Gefahr von den Kolkraben ausging, erzittert auch schon die Erde und der Grimmland kommt mit ungeschlachten Schritten aus dem Unterholz heraus. Wehe jenen, die das Funkeln seiner bösen Augen sehen, wenn er brüllend und schnaufend aus dem Dickicht hervorprescht, den Baumstamm schwingt und sich auf sein Opfer stürzt und wehe denen, die nicht unter dem Schlag seiner Keule zerbrechen, um den Raben zur Nahrung zu gereichen. Diese schleppt er in seine Höhle und das Letzte, was sie sehen, sind seine spitzen Zähne, wenn er sie bei lebendigem Leib verschlingt.

So auch den Unglücksseeligen Vonsch. Ein junger Kobold mit neuen und andersartigen Ideen, der sich in Moos und Äste kleidete, um die Verbindung zur Natur aufrechtzuerhalten, aus der wir alle kommen. Er war damals in den Welzheimer Wald gezogen, um dort an den Ufern des Wieslaufs eine sehr große und sehr alte Esche zu besiedeln.

Der Unglückselige Vonsch war ein trauriger Knabe und Philosoph, der stets ein wenig kummervoll auf die Welt und das Leben blickte. Die allgegenwärtige Vergänglichkeit des Seins beunruhigte ihn. Trotz seiner koboldischen Unsterblichkeit wollte es ihm nicht gelingen, seine Existenz als etwas von der Natur Gegebenes und Heiliges anzuschauen. Stets drehten sich seine Gedanken darum, woher die Welt kam, wo sie hin ging und von wem der Zauber kam, der damals auf die Erde fiel und alles Leben in ihr erweckte. Einen großen allwissenden Schöpfer wollte er sehen und finden, der alle Geschicke dieser Erde lenkte. Ein reines Zurückkehren zum Sternenstaub und einen Neubeginn des Kreislaufs in einer Kastanie, wollte er nicht als ewige Wahrheit annehmen. Viel mehr trug er Unglauben im Herzen und haderte mit sich, der Welt, seiner Existenz und dem Schicksal. Wo andere Vonsche die jungen Eichhörnchen mit Freude im Herzen beim Spielen beobachteten und höchstens mit einem Lächeln bedachten, wollte der Unglückselige Vonsch diese zur Ordnung rufen. Damit sie leiser sind, zahmer und sich weniger der Gefahr ausgesetzt sahen, von einem Uhu oder Kolkraben gefangen zu werden.

Ebenfalls von seiner eigenen Philosophie beflügelt war er als Andersdenkender nicht bereit, den Legenden über den Grimmland Glauben zu schenken. Weswegen er sich auch nicht von den Warnungen der Ältesten Vonsche davon abhalten ließ, Quartier im Wieslauftal zu beziehen. Neugierig war er auf den Grimmland und von der Idee beflügelt, dass dessen Wildheit Einhalt zu gebieten war. Einmal in den Welzheimer Wald hineingegangen, ward er nie mehr wieder gesehen.

„Naja, das bedeutet aber ja noch nicht, dass er den Grimmland gefunden hat“, meine Manati Herz, als der Vonsch seine Geschichte beendete. „Geschweige denn, dass dieser dem Unglückseligen Vonsch etwas getan hat“, überlegte sie laut. Der Getreue Vonsch schaute sie nachdenklich an. „Außerdem wäre es ein Grund mehr, die Yana suchen zu gehen. Vielleicht hält er sie ja in seiner Erdhöhle gefangen und füttert sie mit Brombeeren“, lies Manati Herz ihren Gedanken freien Lauf.

Der Getreue Vonsch gab einen erschrockenen, quietschenden Ton von sich und erstarrte, sein Gesicht vor Entsetzen blass geworden, ließ er den Filzschreiber und die Jakobsmuschel fallen.

„Stell dir doch vor Getreuer Vonsch! Du befreist sie aus den Fängen des Höhlentrolls! Da muss sie sich doch in dich verlieben!“, rief Manati aus, hob den Getreuen Vonsch empor und umarmte ihn überschwänglich.

„Alons-y, mein Getreuer Vonsch. Worauf warten wir?“

Wenige Stunden später schlugen der Getreue Vonsch und Manati Herz einen kleinen Pfad ein, der sie in das Wieslauftal mit seinen Klingen und Wasserfällen hineinführte. Die Erde unter ihren Füßen war feucht, mit Laub bedeckt und an manchen Stellen schlammig, als sie ihr Weg immer weiter in den Wald führte. Kaum hatten sie die ersten Bäume passiert, vernahmen sie den Ruf eines Kolkraben. Der Getreue Vonsch blickte sich ängstlich um, machte sich auf Manatis Schulter ein wenig kleiner.

„Getreuer Vonsch. Weißt du, dass hier früher gar kein Wald war? Heute ist alles mit Erde und Wurzelwerk bedeckt. Aber ganz früher einmal war hier ein Meer. Deswegen auch die Muschelkalkablagerungen im Boden“, erklärte sie und ließ die erste Muschel auf ihrem Weg fallen.

„Deswegen sind die Steinbrüche in der Gegend auch alle so schön bunt. Das liegt an den unterschiedlichen Schichten im Boden. Muschelkalk, Sandstein, Lehm. Alles drin. Schon eine beeindruckende Geschichte, die unsere Mutter Erde hinter sich hat. Findest du nicht?“

„Ich finde die Pflanzenvielfalt viel interessanter. Schau doch Manati! Schachtelhalm, Schwarzbuche, Waldgeißbart, schwarzer Ahorn, Esche“, benannte der Kobold fröhlich zahlreiche Farne, Moose und Bäume, die aus dem Erdreich emporwuchsen.

Bereits am Nachmittag machte der Getreue Vonsch eine schöne Stelle in der Nähe eines Wasserfalls aus, an der er sein Vergissmeinnicht einpflanzen wollte.

„Das ist perfekt hier, Manati Herz! Siehst du dort den umgestürzten Baum, der über dem Fluß liegt? Sie badet doch so gerne und es wird sie dran erinnern, wie wir uns begegnet sind“, gestikulierte der Winzling wild und heftig, um Manati aufzufordern, ihre kleine Schaufel aus dem Rucksack zu nehmen und ein Loch in den Erdboden zu graben, in das das Vergissmeinnicht gepflanzt werden konnte.

Während Manati Herz mit ihren Händen Wasser aus dem Wieslauf schöpfte, um das Blümlein auf seinem neuen Platz willkommen zu heißen, kletterte der Getreue Vonsch bereits in den Picknickkorb, um sich auf die Kekse darin zu stürzen.

„Du musst vor dem Grimmland keine Angst haben, Manati Herz. Bestimmt hat er längst gemerkt, dass er gar nicht erst auftauchen braucht“, erzählte der Getreue Vonsch kauend und mampfend, als Manati in den Picknickkorb hineinblickte.

„Ich hab keine Angst vor Trollen mein Getreuer Vonsch, schließlich hätte ich beinahe mal einen geheiratet“, scherzte sie und nahm die Decke aus dem Korb. Plötzlich landete vor ihnen in der Wiese eine kleine beschriftete Jakobsmuschel, auf der der Name Yana zu lesen stand. Manati hob sie auf, der Kobold erblickte sie und stürzte mit kleinen trippelnden Schritten eilig in die Richtung davon, aus der die Muschel gekommen war. Er verschwand im Gebüsch und stieß einen panischen Schrei aus.

Entsetzen durchzuckte Manatis Körper wie ein Blitz. Doch als sie die Stelle erreichte, an der der Schrei des Getreuen Vonschs verstummt war, fand sie weder ihn, noch seinen Angreifer. Nur niedergedrücktes Geäst deutete die Richtung an, in die der Entführer den Kobold verschleppt hatte.

„Getreuer Vonsch …“, flüsterte sie und die Angst um ihren Kameraden rann als Tränen aus ihren blauen Augen. Zwei Kolkraben, die auf einem Baum saßen, betrachteten sie und stießen Laute aus, die an ein Lachen erinnerten.

Schnell nahm sie die Verfolgung auf, um ihrem Gefährten zur Hilfe zu eilen und ihn wieder zurückzuholen. Schließlich führten die Spuren sie zu einer Grotte, die den Eingang zu einer Höhle verbarg. Manati musste ein ganzes Stück durch einen kleinen Bach waten, um den Höhleneingang zu erreichen, vor dem wie ein Vorhang ein Wasserfall herniederging. Kaltes Wasser lief in ihre Schuhe und auf dem sandigen Untergrund musste sie vorsichtig laufen um nicht auszurutschen.

Durch den Sprühnebel des Wasserfalls wurden ihre Kleider feucht und ihre Haut klamm, als sie schließlich in die Erdhöhle hineinschlüpfte. Die Wände der Höhle zeigten die verschiedenen Gesteinsschichten und waren von unterschiedlicher Farbe. Manati Herz fielen ein paar Steine und Kiesel auf, die seltsam blaugrau waren und in der naturbelassenen Umgebung fremd und andersartig wirkten. Leise schlich sie in die Höhle hinein und gelangte so zu einem großen Hohlraum, in dem ein Feuer brannte, auf dem ein großer brodelnder Kupferkessel stand. Manati Herz hielt den Atem an und verfluchte ihr Herz, das unsagbar laut und schnell schlug. Bestimmt würde sie gleich entdeckt werden. Verraten vom eigenen Herzschlag.

Der Raum schien leer zu sein. Manati hatte erwartet, in einer Trollhöhle ein schreckliches Bild vorzufinden.

Doch wider Erwarten fanden sich keine aufgehäuften Knochen, keine gestohlenen Schätze und kein Unrat wieder, keine Kadaver, keine Blutreste, keine übrig gebliebenen Protesen - die Trollhöhle war außerordentlich sauber und aufgeräumt. In einer Ecke stand ein großes Bett aus Wurzelholz, das mit einem Gewebe aus Farn bezogen war, ein Vorhang aus Schilf trennte es von der restlichen Wohnhöhle ab, in der sich ein Tisch mit einer kleinen weißen Decke, Stühle und ein großer Schrank mit Geschirr befanden, an dem ein Reisigbesen und eine Bratpfanne aufgehängt waren. Manati staunte. Niemals hätte sie erwartet, dass ein Troll an einem so aufgeräumten und gepflegten Ort wohnte. Mit einem schleifenden Geräusch wurde ein großer runder Stein vor den Höhleneingang gerollt und Manati Herz in ihr eingeschlossen.

Sie rannte zum Ausgang der Höhle zurück und blieb abrupt stehen, als der Grimmland in seiner vollen Größe vor ihr stand und sie aus braunen Augen anblickte. Das große Wesen hatte eine gebückte Haltung eingenommen und streckte eine seiner Klauen, an der lange gebogene Fingernägel wuchsen, nach Manati Herz aus. Der Troll machte ein grummelndes und knurrendes Geräusch. Die junge Frau hielt den Atem an. Mit langsamen, schlürfenden Schritt kam der Grimmland auf sie zu. „Wuahhharrrr“, machte er und Manati wich langsam vor ihm zurück, sich nach einem Gegenstand umblickend, den sie zur Verteidigung einsetzen konnte. Die Augen des Trolls funkelten. Seine goldenen Locken hingen in dichten Strähnen über seine Fratze.

„Ich komme, um meinen Vonsch zurückzuholen“, sprach sie mit fester Stimme und der Blick ihrer blauen Augen fesselte den des Grimmland, der sich plötzlich abwandte und errötete. „Aber ja, dein Vonsch“, sagte der Troll, nach dem er sich gesammelt hatte, ging zum Kochtopf hinüber und streute ein paar Kräuter hinein. Dann nahm er die Schöpfkelle und begann, in dem Sud herumzurühren.

„Ich mache dir erst mal einen Tee. Du hast sicher einen aufregenden Tag gehabt“, sagte der Troll und schöpfte eine heiße Flüssigkeit in einen Tonbecher. Manati legte verwundert die Stirn in Falten.

„Setz dich doch“, sagte der Höhlentroll und zog einen der Stühle ein wenig vom Tisch weg. Er stellte den Becher auf dem Tisch ab und kam zu Manati herüber. „Kann ich vielleicht etwas anders für dich tun? Brauchst du irgendwas?“, er blickte Manati Herz über seine Blumenkohlnase hinweg an.

„Oh ja, Zucker für deinen Tee und vielleicht ein paar Kekse“, rief er plötzlich und eilte zu einem kleinen Regal, das an einer der Höhlenwände aufgehängt war. „Wo ist der Getreue Vonsch?!“, schrie Manati ärgerlich. Der Höhlentroll sah sie traurig an. „Liebes, bitte nicht so zornig. Der Getreue Vonsch wird gleich hier sein. Dann trinken wir gemütlich Tee“, beschwichtigte der Troll. Manati war misstrauisch. „Wenn du weißt, dass mein Kobold bald hier ist, dann kannst du mir auch sagen, wo er ist“, meinte sie trotzig und fegte die Teetasse vom Tisch, um ihrem Begehren Nachdruck zu verleihen.

„Oh nein, Herzchen, du hast ja deinen Tee verschüttet“, stellte der Troll fest und wischte mit einem großen Lappen den verschütteten Kräutersud auf. Manati stieß einen ärgerlichen Schrei aus.

„Ja, ja, ich mach dir doch neuen Tee“, antwortete der Grimmland und schritt gemächlich zum Kochtopf zurück. „Na, weißt du. Ich habe ein köstliches Rezept ausprobiert und bin so froh, dass ihr zum Essen bleibt“, sprach der Troll in einem um Harmonie bemühten Tonfall.

„Du und dein Vonsch, hach, ich habe Köstlichkeiten für euch vorbereitet. Seit Wochen bereite ich schon eine schöne Soße vor. Ihr kommt genau richtig“ Manati hatte Angst. Sie hatte Angst vor dem Troll, der so freundlich mit ihr sprach und sich liebevoll kümmerte und ihr Tee und Essen servieren wollte. Der Getreue Vonsch war von ihm entführt worden und nun fehlte von ihm jede Spur und der Troll redete unentwegt über sein wundervolles Essen und betonte seine ausgefeilten Kochkünste. Als er ihr den Becher mit dem Kräuterauszug in die Hände gab, schüttete sie die heiße Flüssigkeit unverzüglich in das Gesicht des Grimmlands, der nun erschrocken aufheulte und zurückwich. Manati Herz nahm den Besen von dem Haken am Küchenschrank und schlug heftig auf den Grimmland ein.

„Du gibt’s mir jetzt sofort meinen Vonsch und lässt uns gehen“, forderte sie unentwegt auf den armen Höhlentroll einschlagend, der schützend seine Hände über seinen Kopf hob. „MANATI“, der Getreue Vonsch ließ die Brommbeeren fallen, die er und sein neuer Bekannter, der Unglückselige Vonsch für das Abendessen gesammelt hatten und kletterte hastig an Manatis Kleidung hinauf bis zu ihrem Ohr.

Ein nicht einfaches Unterfangen, denn Manati drosch noch immer mit dem Reisigbesen auf den Troll ein, der sich inzwischen auf dem Erdboden zusammengekauert hatte und kein Geräusch mehr von sich gab. „Manati Herz, bring doch den Grimmland nicht um!“, rief er ihr zu und Manati ließ den Besen fallen. „Oh Getreuer Vonsch, ich dachte schon er hat dich eingekocht!“, rief sie aus und gab ihrem Freund einen dicken Kuss auf die runzelige Stirn.

Der Unglückselige Vonsch blickte verwirrt von einem zum anderen und meinte: „Also, ich finde deine Freundin schon sehr unhöflich.“ Er ging zum Grimmland hinüber.

„Steh ruhig auf, mein Freund. Wir sind ja da, um dich vor der Frau zu beschützen“, sprach er zu ihm und der Troll setzte sich auf. „Die sieht so lieb aus“, weinte Grimmland und ließ seinen Kopf auf seine Knie sinken. Er schluchzte und jammerte. „Sie hat heißen Tee in mein Gesicht geschüttet und mich … mich geschlagen.“

Der Getreue Vonsch blickte Manati streng an, die betroffen auf ihre Füße guckte. „Seit wann benimmt man sich denn so, wenn man zu Gast ist, Manati Herz?“, schimpfte der Getreue Vonsch und hob den Zeigefinger seiner rechten Hand. „Du bringst uns ja noch um einen köstlichen Wurzelbraten.“ Manati war empört. „Hallo, ich hab dich vor dem Troll retten wollen!“, verteidigte sie sich. „Schließlich hast du gesagt, er paniert Vonsche in Kastanienmehl.“

„Hält sich dieses Vorurteil denn immer noch?“, fragte der Unglückselige Vonsch und blickte fassungslos in die Runde. Manati setzte den Getreuen Vonsch von der Schulter und ging zum Grimmland hinüber, der sofort schützend die Arme über seinen Kopf hob. „Es tut mir leid, dass ich dich verbrüht und geschlagen habe. Ich hab solche Angst vor dir gehabt und gedacht, der Getreue Vonsch ist in Gefahr“, sagte sie sanft. Der Höhlentroll blickte sie ängstlich und mit Tränen in den Augen an, wendete sich ab und schluchzte herzzerreißend. Sie legte eine Hand auf seine Schulter.

„Schau, was du gemacht hast, Manati Herz“, sagte der Getreu Vonsch vorwurfsvoll und gestikulierte mit den Armen. „Man kann dich wirklich nirgendwo mit hinnehmen.“ Der Unglückselige Vonsch beendete die Situation, indem er sagte: „Nun beruhigen wir uns alle und besprechen den Vorfall sachlich bei einem Tässchen Tee.“

„Aber nur, wenn die ihn mir nicht wieder ins Gesicht schüttet. Es ist vielleicht zu gefährlich. Lieber geben wir ihr etwas Kaltes zu trinken“, beschwerte sich nun der Höhlentroll und zeigte auf die junge Frau, der alles, was passiert war, sehr unangenehm war.

„Na, na, Grimmland. Wer einmal einen Vonsch gefressen …“, antwortet er weise und bat seinen Besuch zu Tisch. Der Höhlentroll rappelte sich auf und versorgte die Gäste des Unglückseligen Vonsches mit Tee und Keksen. Dann nahm er die gesammelten Brombeeren und begann, das Abendessen zuzubereiten.

„Hach, es ist wundervoll, einen Vonschen zu Besuch zu haben“, jubelte der Unglückselige Vonsch und bat den Kobold um einen ausführlichen Bericht aus den umliegenden Wäldern.

 

„Kaum einer verirrt sich noch hierher. Wegen der Legende vom Grimmland. Dabei ist der so ein netter Kerl und ein fantastischer Koch. Ihr werdet sehen. Das war nicht immer so, ich musste ihm zunächst abgewöhnen, alles mir Erde zu würzen.